„RICH, SELBSTBEWUSST UND BALANCIERT“ – WELCOME TO THE WONDERFUL WORLD OF TALBOT RUNHOF

München, 4 Uhr morgens. NY.Club, Sonnenstraße 25. Musik aus, Lichter an. Sperrstunde. Eigentlich der Stimmungskiller par excellence. Nicht aber für den damaligen BWL-Studenten Adrian Runhof und den Programmierer Johnny Talbot aus Tennessee, die sich unter genau diesen Umständen kennenlernten. Den NY.Club gibt es nicht mehr, das Zwei-Mann-Gespann Talbot Runhof schon. Inzwischen ist das internationale Label aus München im Zentrum der Stadt, auf der Theatinerstraße, angesiedelt. Auf zwei Etagen kann man sich hier standesgemäß im kleinen Palais Preysing zwischen den einzigartigen Kreationen der beiden Modemacher verlieren und einen Hauch von Luxus schnuppern.

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Schon die mit Glitzerkugeln dekorierten Schaufenster geben dem Betrachter einen ersten Geschmack auf die glamouröse Welt von Talbot Runhof. Kurz nach Betreten des Shops vergesse ich meine kleine Novemberdepression und streiche in rosa Watte gepackt durch die Boutique. Von bodenlangen, smaragdgrünen Paillettenkleidern, über Tellerröcke mit auffälligen Blumendrucken bis hin zu hauchdünnen Chiffonblusen und Tageskleidern aus violetter Seide findet Frau hier alles was das Herz begehrt. Mehr in einem Salon, als in einem Laden sollen sich die Kundinnen fühlen und den Alltagsstress dabei hinter sich lassen, so die Idee hinter ihrem Shopkonzept. Zusammen mit Architekt Patrick Ferrier kreierten die beiden Designer ein aus Beerentönen, Gold und viel Glas bestehendes Interieur. Meterhohe Kabinen mit schweren Samtvorhängen, babyblaue Loungesessel, flauschiger Teppichboden und moderne Kronleuchter sorgen für eine glamouröse und einladende Atmosphäre. Die Spiegelwand neben der Treppe zum ersten Stock erinnert an das Atelier von Coco Chanel in der Rue Cambon Paris und führt gleichzeitig tiefer in die perfekt inszenierte Markenwelt von Talbot Runhof.

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Frauen wissen, was Frauen wollen

Johnny Talbot und Adrian Runhof scheinen zu wissen, was Frauen wollen. Das war nach eigenen Angaben nicht immer so. „Dilettanten“ seien sie gewesen, mit der Überzeugung, Abendkleidung für Frauen sei das einfachste Metier der Modebranche. Während Johnny Talbot schon immer Mode machen wollte, ihm aber der Zugang fehlte, ergab sich Adrian Runhof als Sohn einer  Modefamilie letztendlich seinem Schicksal. Kurz nach der Eröffnung ihres ersten Shops „All About Eve“ im Glockenbach Anfang der neunziger Jahre mussten sie jedoch schnell feststellen, dass Frauen prinzipiell nicht „einfach“ sind und die Wirkung des Überraschungsmoments von der Kleiderstange bis in die Kabine schnell verfliegt. „All das, was wir heute über Frauen wissen, haben wir von unseren Kundinnen selbst gelernt. Während die eine gerne ihren Ausschnitt betont, bevorzugt die andere es, ihren Po in Szene zu setzen“, sagt Adrian Runhof. Dieses Wissen und viel Feingefühl zeigen sie heute in ihren Kollektionen. Ihre Kundinnen haben sie dabei stets im Hinterkopf. Auch heute noch stehen die Modedesigner, wann immer der Terminkalender es zulässt, selbst im Laden und unterstützen ihr Team auf der Fläche. Eben das sei auch die Voraussetzung für ein erfolgreiches Modelabel, seine Kunden zu kennen und im Dialog mit ihnen zu bleiben. Ihrem Stil sind die beiden dabei treu geblieben. „Rich, selbstbewusst und balanciert“, so beschreibt ihn Adrian Runhof. Eine klassische Rollenverteilung gab es dabei nie, vielmehr spiele man seit über 20 Jahren erfolgreich PingPong, was Inspirationen und technisches Know-How angehe.

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Vom Glockenbach an den Odeonsplatz

Die Entscheidung von der Klenzestraße ins Stadtzentrum zu ziehen, kam mit dem zunehmenden  internationalen Erfolg der Marke. Spätestens nachdem Selena Gomez 2009 in einem silbernen Minikleid über den roten Teppich bei den American Music Awards spazierte, war das Label in aller Munde. Internationalität war schon zu Beginn ein festes Kriterium bei der Entwicklung ihres Labels. Aus diesem Grund zeigten Talbot Runhof ihre Kollektionen von Anfang an in Paris. In München selbst wurden sie gerade durch den Umzug ins Preysing Palais von einem lokalen zu einem internationalen Label, mit der entsprechenden Sichtbarkeit für Kundinnen aus Asien, Arabien und den USA.

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Trotz vieler Reisen und Zweitwohnsitzen in Paris und Berlin, ist München bis heute ihre Base geblieben. In München sei man effizienter als in Berlin, wo man lange ausschlafe, um sich von den anstrengenden Nächten zu erholen, erzählt Adrian Runhof. In Paris erwarte sie bei ihrer Ankunft immer eine neue Überraschung: Wasserschäden, ein Einbruch oder andere kleine und große Katastrophen. In München hingegen gehe alles seinen gewohnten Gang. Was jedoch nicht heiße, dass die Stadt stillstehe. Gerade in der Kunst und Modeszene tut sich nach Empfinden der Modedesigner zur Zeit besonders viel. „Viele der nach Berlin Gezogenen kommen inzwischen wieder nach München zurück.“ Gerade die Aufgeräumtheit der Stadt ermögliche es, sich auf das Wesentliche zu fokussieren und seine Ziele zu erreichen.

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Auch die kulinarische Vielfalt Münchens und der südliche Flair der Stadt seien einer der Gründe für ihre dauerhafte Liebesbeziehung zu München. „Gutes Essen ist etwas Tolles.“ Das genießt Adrian Runhof am liebsten im Tantris, wo Sternekoch Hans Haas seit 25 Jahren seine Gäste kulinarisch bezaubert. Hier biete man großen Luxus für Augen und Gaumen. Im Glockenbach fühlen sie sich nach wie vor zu Hause. Der Gärtnerplatz, Sommer wie Winter, zum Kaffee oder auf einen Vino, sei der beste Orte, um das pralle Leben zu genießen.

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A bientôt

In der Theatinerstraße heißt es Abschied nehmen. Zeit aus der Kabine zu schlüpfen und sich von der lilafarbenen Marlenehose zu trennen, vorerst zumindest. Trotz Schneeregen und wenig Aussicht auf Besserung verlasse ich die schillernde Boutique mit einer Mischung aus Glückseligkeit und Wehmut, der Kopf berauscht von so viel Licht und Schönheit.

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Fotos: Sophia Bilz

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6 Kommentare

  1. Wie schön, dass es noch Orte gibt, wo man noch so richtig Mädchen / Frau sein kann…
    Schon nur durchs lesen fühlt man sich wie in rosa Zuckerwatte gepackt und als Prinzessin.
    Ein Foto von den beiden Inhabern wäre auch noch interessant gewesen, um die Gesichter dahinter zu sehen.

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  2. Sehr schön geschrieben. Da fühlt man sich glatt so, als würde man selbst durch die Boutique gehen!
    Die beiden wirken sehr sympathisch und bodenständig, trotz ihres großen Erfolgs.
    Deswegen kann ich Frankie nur zustimmen – ein Porträt der beiden hätte mich auch sehr interessiert.

    LG, Meryem von Faces of Fashion

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  3. Ein Paradies, das einem Märchenwald gleicht. So lebhaft beschrieben, dass man sich direkt in die Autorin hineinversetzt. Dazwischen Fotos, die alle so stimmig sind und die im Text beschriebene Atmosphäre perfekt unterstreichen. Die Kollektionen sind so glamourös und schön, dass man sich fast darin verlieren könnte. Ein sehr gelungener Beitrag der dich zum träumen einlädt.

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