„ICH ERZÄHLE GESCHICHTEN“ — SOPHIE CALLE AUSSTELLUNG IN DER ESPACE LOUIS VUITTON

Sophie Calle ist rebellisch, neugierig, und grenzüberschreitend — so beschreibt sie sich zumindest selbst und das wird auch in ihren zwei Arbeiten sichtbar, die in der neusten Ausstellung des Espace Louis Vuitton München zu sehen sind.

Die Autodidaktin aus Paris zählt zu den bedeutsamsten zeitgenössischen Künstlern, die für ihre eigenwilligen Arbeiten kritisiert und zugleich gefeiert wird. „Ich erzähle Geschichten“ und die meisten hat sie schon selbst erlebt, entweder als Zimmermädchen oder als Stripperin. 

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Nachdem Sophie Calle eigentlich keinen Plan für ihr Leben hatte und sieben Jahre durch die Welt gereist ist, beginnt sie Ende der 70er Jahre ein großes Interesse für ihr völlig fremde Menschen zu entwickeln. Sie folgte ihnen von ihrer Arbeitsstelle oder ihrem Lieblingscafé bis nach Hause. Heute würden wir diese Vorgehensweise wahrscheinlich als Stalking bezeichnen. Calle sah sich hingegen als Detektivin. Sie machte es zu ihrer Mission, jedes einzelne Detail ihrer Zielperson zu erfahren. Die Eigenschaften und Vorlieben dieser Personen herausfinden zu können ohne mit ihnen persönlich in Kontakt zu treten, faszinierte Sophie. Das ging so weit, dass sie einem Mann nach wochenlanger Observation von Paris bis nach Venedig folgte und sich in dessen Hotel als Zimmermädchen ausgab. In genau diesem Hotel entstanden ihre Aufnahmen für das Werk L’Hôtel, das Teil der Espace-Ausstellung ist. Investigativ machte Calle Bilder von persönlichen Gegenständen der Gäste, die an Beweismaterial von einem Mordtatort erinnern und führte strenge Protokolle, in denen sie ihre gewonnenen Informationen festhielt. Ohne jegliche Berührungsängste dringt Sophie Calle somit in die Intimsphäre der Hotelgäste. Für den Betrachter ergibt sich mithilfe der fotografischen und schriftlichen Dokumentationen ein genaues Bild des Hotelgastes. 

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Voir La Mer aus dem Jahr 2011 umfasst digitale Farbfilme, die die Reaktion von Menschen zeigen, die das erste Mal das Meer sehen und dass obwohl sie in einer Stadt leben, die vom Meer umringt ist. Sophie Calle bot einigen Bewohnern Istanbuls diese Möglichkeit und hielt dabei ihre Reaktion mit einer Videoaufnahme fest, aber zu sehen ist nur der Rücken, denn der sagt mehr als fließende Tränen, so Calle. Den Protagonisten wurde selbst überlassen, wann sie sich zurück zur Kamera drehen und wie lang sie dabei in die Kamera schauen wollen. Daraus folgen acht unterschiedlich lange Filme mit unterschiedlichen Reaktionen.

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Ein älterer Mann mit Bart und Mütze viel dabei besonders auf. Er starrte am längsten in die Kamera und offenbarte seine Emotionen, die von Überwältigung und Dankbarkeit gezeichnet waren. Die meisten brachten ein kleines Lächeln über die Lippen, andere hingegen zogen keine Miene. Es ist interessant zusehen, wie unterschiedlich die Menschen mit so einer Situation umgehen und wie sehr sie bereit sind diese mit anderen zuteilen. Dabei gibt es kein richtig und kein falsch — manche wollen Gefühle zeigen, andere sie eher verstecken oder für sich selbst behalten. 

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Die Espace Louis Vuitton München ist seit 2014 neben Venedig, Peking und Tokio ein Vertreter der Fundation Louis Vuitton Paris, die sich hauptsächlich zeitgenössischen Künstlern, wie Sophie Calle, widmen. Die Fondation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kunst der Öffentlichkeit zugänglicher zumachen, weshalb die Ausstellungen kostenlos und für jeden zugänglich sind. Wer sich selbst ein Bild der Arbeiten von Sophie Calle machen möchte, kann die Ausstellung bis zum 31.03.2019 besuchen. 

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Espace Louis Vuitton München                                                                   Fotos von Sophia Bilz

Maximilianstraße 2a

80539 München                       

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2 Kommentare

  1. Ein toller, interessanter Artikel über eine faszinierende Künstlerin.
    Schön zu erfahren, welch tolle Ausstellungen in der Espace Louis Vuitton in München zu sehen sind.
    Gerne hätte ich mir noch ein paar mehr Bilder der zweiten Ausstellung gewünscht um einen Gesamteindruck zu bekommen.

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  2. Sophie Calle klingt nach einer sehr inspirierenden Persönlichkeit. Gerade diese Ausstellung finde wirklich toll – kaum zu glauben, dass es Menschen in Istanbul gibt, die das Meer noch nie gesehen haben. Ein Link zu dem Video mit dem älteren Mann wäre toll!

    Liebe Grüße, Meryem von https://faces-of-fashion.com

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