PHILOSOPHIE & MODE – GESPRÄCH MIT EINER ALLROUNDERIN DER MÜNCHNER FASHIONSZENE

Wenn sie zu einem Event der Modebranche geht, sei es die Berlin Fashion Week oder die Munich Press Days, kommt sie aus dem Grüßen, Quatschen und Updaten nicht mehr heraus. Gefühlt kennt Natasha Binar jeden der Szene und hat sich über die Jahre ein großes Netzwerk aufgebaut. Doch wie kam sie vom Philosophiestudium in die Kreativbranche und letzten Endes zum Modejournalismus? Warum zog sie nach München und in wie weit hat sich ihr Leben durch den Umzug in die bayrische Hauptstadt verändert?

Natasha Binar ist die Gründerin der Agentur no.mad agency, schreibt heute für verschiedene Magazine und Zeitschriften als Gastautorin und lehrt an der AMD, Akademie für Mode und Design. Zum Interview erscheint sie in einer lässigen Hose und Sneakern, kombiniert mit einer leicht verspielten, weißen Bluse. Im Laufe des Gesprächs verrät uns die Cosmopolitin ihre Insidertipps der Stadt und ihre Wünsche und Ideen, um München zu noch mehr Glanz zu verhelfen.

Du hast den Bachelor in Philosophy and Economics und den Master in Media and Communication in London gemacht. Wie bist du danach in die Modebranche gekommen?

Ich habe nach meinem Studium in London angefangen in der New Media Agentur zu arbeiten. Sie entwickelten die ersten, sehr einfachen Websites für ihre Kunden. Zu dieser Zeit wurde auch das British Fashion Council einer ihrer Kunden und wir haben auch für sie die digitale Darstellung entwickelt. Ich wurde gefragt, ob ich den Account dieses Kunden begleiten möchte und so kam ich zum ersten Mal in Berührung mit der Modebranche, die ich persönlich auch schon immer sehr interessant fand.

Wie, beziehungsweise warum, bist du nach München gekommen?

Ich habe bereits nach dem Bachelor an der Uni Mainz mein Aufbaustudium in Journalismus gemacht. Dann bin ich zurück nach London, wo ich den Master gemacht habe. Dort lernte ich auch meinen Mann kennen. Ich wollte immer jemanden kennenlernen, der meine Liebe zur deutschen Sprache teilt. Ich finde es super, Deutsch sprechen zu dürfen und zu können. Mein Mann ist in München groß geworden. Er ist halb Franzose, halb Tscheche. Noch in London überlegten wir uns, eine Familie zu gründen. Berlin stand dafür als eine interessante Stadt zur Auswahl und wir gingen zusammen dorthin. Nach sieben Jahren wollte mein Mann gerne nach München. Einerseits wegen seines Jobs und weil er Berge und die Natur liebt. Ich versuchte das Beste daraus zu machen. Sabine Resch, die Dekanin für Modejournalismus und Medienkommunikation, holte mich an die AMD, um dort English und Fashion PR zu unterrichten. Dafür bin ich nach wie vor sehr dankbar.

Hast du dich gefreut, nach München zu kommen?

Was heißt gefreut. Berlin ist eine ganz andere Stadt. Ich finde es nicht passend, München und Berlin zu vergleichen, weil es sehr unterschiedliche Städte sind und für mich ein ganz anderer Lebensabschnitt war.

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Hast du deinen persönlichen Stil gefunden?

Ganz ehrlich, ich würde mich selbst nicht als stylischste Person bezeichnen. Ich mache das, was mir Spaß macht. Ich glaube nicht, dass ich Trends folge, da ich sie immer kommen und gehen sehe. Ich mag schöne Klassiker, die immer gut funktionieren. Dazu mixe ich ein paar Teile, die aktuell und trendy sind. Außerdem achte ich immer auf den Dresscode. Das ist mir wichtig. Ich gehe niemals mit einer Hose in die Oper oder in Jeans zu einem wichtigen Businesstermin. Wenn ich Dresscode sage, heißt das für mich Respekt vor meinem Gegenüber.

Wenn du darüber nachdenkst, warst du in London anders angezogen als in Berlin und jetzt in München?

Ja bestimmt! In München wird man ehrlich gesagt in Ruhe gelassen mit all dem, was man trägt, da die Stadt extrem entspannt ist, was Stilrichtungen angeht. Klar, in London laufe ich ein bisschen gewagter rum, vor allem auf der Fashion Week. Da trage ich dann auch sehr abenteuerliches Fußwerk, richtig schöne Schuhe. Hier in München eher weniger. Und das ist dann für mich aber auch meine innere Freiheit: einfach komplett entspannt zu sein.

Was ich auch bemerkt habe, ist, dass die Münchner abends auf Veranstaltungen alle irgendwie Schwarz anziehen. Schwarz scheint wirklich die Farbe zu sein, die immer geht. Ich wünschte mir einfach ein bisschen mehr Farbe und ein bisschen mehr Mut, ohne gleich in Richtung Bling-Bling, teuer und viel zu aufgesetzt zu gehen. Und ich wünschte mir ehrlich gesagt von den Münchnerinnen und Münchnern, dass sie ein bisschen mehr mit der Mode experimentieren, ein bisschen mehr wagen und nicht immer das Gleiche tragen, was man schon bei vielen anderen gesehen hat.

Konntest du in den letzten Jahren Veränderungen im Stadtbild beobachten?

Ja. München ändert sich enorm, weil viele Menschen von außerhalb kommen. Ich glaube München ist sogar die meist wachsende Stadt Deutschlands. Es gibt sehr viele spannende Unternehmen und eine spannende Start-Up Szene hier. Alleine aus meinem Berliner Umkreis sind fünf bis sieben Personen umgezogen. Ich glaube München ist definitiv viel offener und experimentierfreudiger geworden. Es eröffnen immer wieder coole Boutiquen und schöne Lokale, wie beispielsweise der Concept Store Sois blessed. Die MünchnerInnen sind definitiv offener geworden und lassen internationale Einflüsse zu.

In einem Online-Artikel der SZ, 2009 wurde geschrieben: „In München gibt es keine Subkultur“. Wie siehst du das heute? Hat sich das verändert?

Ich denke schon, dass es in München mehrere Subkulturen gibt, die vielleicht nicht immer so offensichtlich auf der Oberfläche erscheinen. Dennoch bieten sie viel Experimentierraum in sehr unterschiedliche Richtungen. Es gibt viele nachhaltige Labels und Jungdesigner, die in München arbeiten. WE´RE beispielsweise. Vielleicht geht auch diese Subkultur eher in Richtung unspektakulär, entspannt und bequem, aber trotzdem lässig und cool. Auch die Musikszene ist definitiv spannend. Vielleicht nicht so super spannend wie in Berlin, da München ehrlich gesagt noch ein bisschen die Internationalität fehlt. Manchmal wünschte ich mir von meinen Münchnern und Münchnerinnen ein bisschen mehr Vertrauen in das Fremde. Das ist das, was mir ab und zu fehlt. Ansonsten fühle ich mich eigentlich ganz wohl.

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Du schreibst auf Deutsch und auf Englisch für verschiedene Magazine. Passt du deinen Stil der jeweiligen Sprache an?

Natürlich. Englisch zu schreiben fällt mir immer noch ein bisschen leichter, weil es meine Muttersprache ist. Deswegen ist eine gewisse Leichtigkeit vorhanden. Im Deutschen legt man viel Wert auf Fakten, auf das journalistische Handwerk, was auch sehr gut ist. Außerdem kommt es ganz auf die Geschichte und die Publikation an. Ein gutes Beispiel: für mein Buch „Berlin Catwalks. Mode-Streifzüge durch die Hauptstadt“ habe ich damals dem Verleger zwei Seiten als Probekapitel geschrieben, auf Deutsch und Englisch. Er hat beide gelesen und meinte, ich sollte bitte beim Englischen bleiben, da es mir offensichtlich leichter fällt. Also wurde es dann von jemand anderem ins Deutsche übersetzt. Deutsch ist eine sehr präzise Sprache, das mag ich sehr.

Das heißt, wenn du auf Englischen schreibst, kannst du etwas humorvoller schreiben?

Ich glaube im Deutschen muss man ein bisschen aufpassen, weil der englische Humor nicht immer übertragbar ist. Das hat natürlich auch mit der Kultur zu tun. Im Deutschen fehlt meines Erachtens ein bisschen Selbstironie. Also nicht den Deutschen an und für sich, sondern den Deutschen Medien und ihrer Sprache. Man nimmt sich selbst viel zu ernst. Das ist im Englischen ein bisschen anders.

Abschließend: Du gehst ja auch gerne auf Veranstaltungen und Events. Was ist das nächste Ereignis in München (Ausstellung, Messe, Konzert etc.), was man auf keinen Fall verpassen darf?

Im Lovelace Hotel sind immer wieder sehr gute Veranstaltungen. Ich persönlich finde auch das derzeitige Programm der Münchner Oper spannend. Aber auch bei Sois Blessed gibt es tolle Events. Die meisten Veranstaltungen, die ich besuche, sind private Einladungen.

Was man auf keinen Fall verpassen darf, ist die Ausstellung 200 Frauen, die vom 26. November bis 14. Dezember 2018 an der Technischen Universität München stattfindet.

Fotos: Keziban Inal & Natasha Binar

 

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2 Kommentare

  1. Es ist interessant zu hören, wie eine gebürtige Londonerin, die jetzt in München wohnt die Stadt sieht. Es gefällt mir sehr, dass sie Lob und Kritik über München übt, gleichzeitig aber auch Verbesserungen und Wünsche vorschlägt. Ich hätte gerne noch mehr darüber erfahren, wie ihre Anfänge in der Modebranche waren. Ansonsten ist der Artikel sehr informativ und schön zu lesen. Wirklich passend! 🙂

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