UNGESCHMINKTE TATSACHEN – AUSSCHNITTE AUS DEM LEBEN EINES MAKE-UP-ARTISTEN

Der libanesische Modedesigner Elie Saab schneiderte bereits im Alter von neun Jahren Kleider für die Puppe seiner Schwester. Enfant terrible Alexander McQueen wusste schon mit 16 Jahren, dass er Herrenschneider in der Londoner Savile Row sein wollte. Viele unserer heutigen Designerikonen fühlten sich früh zum Modehandwerk hingezogen. Aber nicht jeder kreative Kopf findet von Anfang an seine Bestimmung. Sie müssen sich erst ausprobieren, Erfahrungen sammeln und ihren Horizont erweitern, bis der Schuh wirklich passt.

Der 24-jährige Kevin Bete ist einer von ihnen. Er designt jedoch keine Kollektionen oder schneidert Anzüge. Seine Art von Kunst ist intimer. Als Make-Up Artist ist es seine Aufgabe, die Sprache der Mode auch im Gesicht des Models widerzuspiegeln. Das Haar- & Face Styling ist wesentlicher Teil des Outfits und unterstreicht die Persönlichkeit; Attitude.

VON DER BANK IN DEN MODEZIRKUS

Nach seiner Schulzeit versuchte er sich in einem völlig gegensätzlichen Bereich: Als Bankkaufmann betreute er für zweieinhalb Jahre private Geschäftskunden in seiner Heimat Augsburg. Tag ein, Tag aus am Schreibtisch sitzend den Blick immer auf den Schalter gegenüber gerichtet.  Ein graues, ödes Arbeitsleben ohne Tageslicht. Das reichte nicht. Er fragte sich: „Wo bin ich jetzt und wo will ich hin?“ Kevin merkte, dass seine Berufung woanders liegt. Die Hingabe zur eigenen Garderobe und ein Auge für Details lenkten ihn in die Richtung der Modebranche. Nachdem er sich mit den vielfältigen Berufsmöglichkeiten vertraut gemacht hatte, gab es ein persönliches Sahnehäubchen: Das Gesichtsstyling. Privat erfolgte dann die Ausbildung zum anerkannten Hair & Make-Up Artisten. Das Wichtigste: Praxiserfahrung, die er als Assistent in dieser Zeit bei Magazinen wie Maxim, Playboy und Harper’s Bazaar sammeln konnte. „Ich bereue keine Sekunde im Bankgeschäft, denn es hat mir die Grundlage für meinen jetzigen Job vermittelt.“ Selbstständigkeit, Disziplin und Organisation. Diese Fähigkeiten sind eine notwendige Voraussetzung, um nicht aufzugeben, wenn die harten Tage überwiegen.

Dann nämlich, wenn in der Anfangszeit kaum Jobs eintrudeln und die Miete mit dem Zweit-Job bezahlt werden muss. Diese Zeit ist lange vorbei und Kevin kann sich als Teil der Münchner Stylisten-Welt sehen. Heute bezieht er seine Aufträge von der Agentur Uschi Rabe und genießt die Aussicht auf den Odeonsplatz.

München – In keiner anderen Metropole ist das geschäftige Treiben auf der Einkaufsmeile so eng mit Ruhepool-Charakter im Grünen verbunden, wie hier. Aber noch mehr reizte ihn der einzigartige Stil der Stadt. Manch einer mag das „Weniger ist mehr“-Konzept langweilig finden, Kevin aber fasziniert die „klassische Perfektion“ der City. Makellose Natürlichkeit spiegelt sich auch in seiner Arbeit wieder und er liebt sie.

Dass der Job kein Zuckerschlecken ist, zeigt sein „Every-Day-Life“: Am Abend vor dem Shooting packt Kevin den überdimensionalen, schwarzen Koffer. Der materielle Wert des gesamten Inhalts liegt schätzungsweise bei 15.000€. Angefangen von feinsten Echt-Haar-Pinseln über Glitzer-Eyeliner bis hin zu Lid-Schattierungen in den wildesten Farben beinhaltet er alles. Anschließend heißt es früh ins Bett gehen, da der Wecker morgens um sieben Uhr klingelt. Kevin hat seine eigene Morgenroutine entwickelt, um pünktlich und frisch beim Shooting zu erscheinen. Erster Schritt: Die eigene Haut pflegen und zwar nur mit Bio-Produkten ohne Silikone. Tipp à la Kevin Bete für jeden Anfänger: Egal ob Sommer oder Winter, immer eine Gesichtspflege mit Lichtschutzfaktor benutzen, denn die sorgt für eine samtweiche Haut.

Kevin Bete 2

Während er sich um die eigene Schönheit kümmert, wartet der morgendliche Entspannungstee schon auf ihn. Auch das Frühstück darf nicht zu kurz kommen. „Ohne Frühstück kann ich nicht aus dem Haus gehen“, meint der Make-Up Artist. Mindestens genauso wichtig ist der Concealer unter den Augen.

EINTÖNIGER TAGESABLAUF? GANZ BESTIMMT NICHT.

Wenn alles da ist, wo es hingehört und der Hunger gestillt ist, geht’s los zum Set. Die verschiedenen Locations sorgen für Abwechslung. Wer braucht schon einen geregelten Tagesrhythmus? Langweilig, findet Kevin. Nach der Ankunft begrüßt er zuerst das Team für den anstehenden Tag. Ob er alle kennt? Nein, aber genau das liebt er an seinem Job: Die unterschiedlichsten Menschen der Kreativszene kennenlernen und mit ihnen bis es dunkel wird, zusammenarbeiten. Jeder von ihnen verantwortet seinen eigenen Aufgabenbereich und beeinflusst das Shooting auf persönliche Art und Weise. Kevin beschreibt seinen Stil als Mischung aus Avantgarde und Modernität. Diesen Twist mischte er auch in seine letzten Aufträge für „Westwing“ und dem „Latest Magazine“.

Motto: „I try my best.”

Kevin Bete 1

Auch am Set ist die Gesichtspflege des Models der erste Schritt. Eine reine und frische Haut ist die Leinwand, auf der ein Make-Up Artist seine Pinselstriche zieht. Hier zeigt sich die enge Zusammenarbeit zwischen ihm, Stylist und Fotograf. Für jedes einzelne Outfit muss ein passender Look von Kevin kreiert werden. Heutzutage wird auf mehr Natürlichkeit gesetzt. „Natürliche Schönheit kommt nie aus der Mode, sie wird immer bleiben“, ist seine Meinung. Es ist das, womit sich die Frau am meisten identifizieren kann. Keiner will heute eine ausdruckslose Maske sehen. Das Entscheidende ist die persönliche Note. Das Gesicht sollte nicht überschminkt, sondern viel mehr hervorgehoben werden. Sich in seiner Haut wohl fühlen, das steht an erster Stelle.

Während das Shooting seinen Lauf nimmt, ist das ganze Team immer im Dialog. Noch ein bisschen mehr „Glow“-Puder auf die Wangen, Wimpern nachtuschen und den Lippenstift nachziehen. Nach acht Stunden harter Arbeit und mehr als 900 Bildern auf der Speicherkarte ist es vollbracht. Das Ergebnis: Eine Geschichte in acht Bildern. Sie berührt, schockiert oder bringt uns zum Lachen.

Kevin Betes Job ist damit getan. Er bezeichnet es aber nicht als Arbeit, sondern als sein größtes Hobby, das er zum Beruf machen konnte. Viel zu viele Creatives folgen nicht ihrer eigentlichen Bestimmung, aus Angst zu scheitern. Kevin hat viel riskiert und sich nicht beirren lassen. Sein Lohn: Jeden Tag das tun zu können, was er wirklich liebt.

Foto (1): Andreas Stocker; Foto (2): Andreas Kusy

 

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3 Kommentare

  1. Es ist so schön zu sehen, dass Kevin sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Man merkt wie viel Freude ihm sein Job als Hair & Make-up Artist Tag für Tag bereitet. Der Beitrag ist so fesselnd geschrieben, dass man kurzzeitig glaubt, Kevin selbst begegnet zu sein und seinen Alltag mit ihm geteilt zu haben. Er passt einfach perfekt in die glamouröse Modewelt, denn auch sein Stil ist sehr ästhetisch! 🙂 Den super „Tipp à la Kevin“ werde ich fortan befolgen, denn man merkt, dass er Ahnung von seinem Fach hat und das macht ihn sehr authentisch. Freue mich auf weitere interessante Persönlichkeiten aus der Münchner Modebranche!

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