MYTHOS MÜNCHEN – IST DIE BASE 089 WIRKLICH NUR TEUER UND SCHICKERIA?

Wenn sich aber doch mal einer traut, einen ehrlichen Kommentar zu meiner neuen Wahlheimat abzugeben, hört sich der in etwa so an: „Da musst du aber ganz schön Kohle haben.“ Also musste ich schnell lernen, mich dauernd rechtfertigen zu müssen. Dafür, dass ich hier so teuer wohne, dafür, dass hier alle Menschen doch so abgehoben wären und dafür, dass ich meine schöne Heimat hinter mir gelassen habe, um mich auch noch an einer Privatakademie zu inskribieren.

GELD REGIERT DIE WELT

München, die einzige Stadt weltweit, die gleichzeitig Provinzler-Großdorf und High-Society-Hochburg sein kann. Ja, was Mietpreise betrifft, ist München die teuerste Stadt Deutschlands. Das muss aber noch lange nicht heißen, dass jeder mit Jutebeutel und Kaffeebecher bewaffnete Student, der hier rumläuft, automatisch reich ist. Die Millionärsdichte in Hamburg und Düsseldorf zum Beispiel kann locker mit der in München mithalten. Natürlich bietet die südlichste Großstadt Deutschlands mit dem Luxushotel Bayrischer Hof, der Bar Schumanns oder dem Privatclub Hearthouse einige Spielplätze für die Münchner Schickeria, aber wie steht es mit der Passage in Wien oder dem Gibson in Frankfurt? Orte wie diese gibt es, wage ich mal zu behaupten, in jeder Stadt und dass es da eher wenige Studenten hin verschlägt, sollte sich von selbst erklären. Und dass Studenten in München weder andauernd in der Maximilianstraße einkaufen noch zuhause die 500 €-Scheine bunkern, auch.

WIESO DENN EIGENTLICH ITALIEN?

Das Problem der Bayernmetropole liegt meiner Meinung nach gar nicht an der Stadt selbst. Als bayrische Hauptstadt zählt sie eben nicht mehr ganz zu Deutschland, zum kleinen Bruder Österreich aber auch nicht. München leidet unter einer Art Identitätsstörung und wird oft als nördlichste Stadt Italiens betitelt. Ein Blick in die Ludwigsstraße oder auf die Feldherrnhalle auf dem Odeonsplatz zeigt, dass italienische Architektur hier ein zweites Zuhause gefunden hat, aber nicht nur das macht uns zu Little Italy. Mit angeblich mehr als 400 italienischen Restaurants bietet München der italienischen Küche mehr Raum als Siena und Florenz zusammen. Außerdem wohnen hier über 25.000 Italiener, mehr als in jeder anderen deutschen Stadt (in Berlin sind es nur 17.000). Da gehört es eben dazu, sich was abzuschauen und manchmal ein wenig über die Stränge zu schlagen. Zusätzlich trägt München einen ewigen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Berlin in sich. So individuell und abgefahren wie Deutschlands buntes Bomberjackenmekka kann und werden wir nie werden, müssen wir aber auch nicht. Denn in einem von der Beratungsgesellschaft Mercer herausgegebenem weltweiten Ranking über die beste Lebensqualität erreicht München einen stolzen Platz 4.

MÜNCHEN KANN MODE

Da bleibt noch die Frage des Stils. Auch da wird wieder nur gemeckert: zu fad, zu perfekt, zu einheitlich. Gegenargumente liefert nicht nur die Tatsache, dass in keiner anderen deutschen Stadt so viel Umsatz mit Luxusmode gemacht wird wie hier. Auch ein Blick auf Münchens Modegeschichte klärt auf: Als Stadt der Bayrischen Tracht und dem Barocken hat München schon früh angefangen, Deutschlands Modestatus aufzuwerten. Und auch heute noch trumpft die Stadt mit der weltweit renommierten Textilmesse Munich Fabric Start, einem eigenen Modepreis, der mit 10.000 € Preisgeld dotiert ist und drei Modeausbildungsinstitutionen. Hinzu kommt eine ganze Liste von Labels, die beweisen, dass Münchens Mode sich definitiv sehen lassen kann: Bogner, Escada, Allude, Roeckl, Aigner, Talbot Runhof und neuere wie J’ai mal à la tête, A kind of guise oder WE.RE, um nur einige von ihnen genannt zu haben. Auch dass Victoria Beckham ihre Kollektion in München vorstellt, sagt etwas über das Modeprofil der Stadt aus. Wenn wir schon bei Internationalität sind: Münchens Stil wird nicht nur von waschechten Münchnern geprägt. Mit einem Migrantenanteil von knapp 30 % treffen hier Stile aus der ganzen Welt aufeinander. Genauer gesagt von 180 verschiedenen Nationen. Da sag‘ noch mal einer München wäre fad und einheitlich.

Und um beim Thema Mode zu bleiben und gleichzeitig zu beantworten, wieso ich denn überhaupt hierhergekommen bin, wenn nicht wegen dem Glanz und Glamour: Vier Verlage (Burda, Funke, Bauer und Condé Nast) bringen in München rund 20 Modezeitschriften auf den Markt, darunter auch die Modebibel VOGUE. Als Modejournalistin also gar nicht so verkehrt, sich hier mal einzunisten.

Um meinen Lobgesang an München wieder etwas abzuschwächen: Ich finde die Mietpreise genauso zu hoch, mag es ebenso wenig, dass das Öffi-System mich regelmäßig im Stich lässt und dass ich manchmal komisch angeschaut werde, wenn ich in Sneakers feiern gehe. Was mich aber am allermeisten nervt, sind Menschen, die einer Stadt krampfhaft ein Image aufzwängen, anstatt München einfach mal München sein zu lassen, Schickeria und Provinzler hin oder her. Denn eigentlich ist es genau das, was man unter dem Begriff „provinziell“ versteht.

Foto: Ornella

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